„Die geheime Macht von Google“ – Lobby-Werbung auf unsere Kosten

Wie angekündigt habe ich mir den Beitrag „Die geheime Macht von Google“ im Ersten angesehen. Leider handelte es sich dabei um genau das, was ich befürchtete: Primitives Anti-Google Bashing durch den Springer Verlag und die Organisation ICOMP, deren Lobby-Arbeit dem deutschen Fernseh-Zuschauer schmackhaft gemacht werden sollte. 

intro

In der ARD Mediathek könnt ihr euch den Film selbst einmal ansehen. 

Der Ulrich Stein Film fängt gar nicht so schlecht an: In einem kurzen Intro werden einige Google Dienste vorgestellt, es wird berichtet, wie diese das Leben der Nutzer erleichtern. Dann schlägt die Stimmung um, die Musik wird düsterer, der Sprecher sagt Sätze wie „Google dringt in immer mehr Bereiche unseres Lebens ein!“. Nun ja, ein Intro soll ja erstmal Interesse generieren, also ist das soweit noch in Ordnung. Weniger in Ordnung sind allerdings die folgenden gut 40 Minuten, die eigentlich des Zusatzes „Dauerwerbesendung“ oder „Dauerpropaganda“ bedurft hätten.

Die „Dokumentation“ dreht sich im Wesentlichen um die zwei „Internetunternehmer“ Robert M. Maier und Michael Weber. Beide sehen ihre Lebenswerke durch die Marktmacht von Google bedroht, weshalb sie sich mit der Anti-Google Lobby-Gruppe ICOMP zusammentun. Doch was genau tun diese beiden Personen eigentlich?

 

Robert M. Maier, Gründer der „Visual Meta GmbH“
Die Visual Meta GmbH wird im Film nicht näher vorgestellt, daher muss man sich als Zuschauer leider selbst über sie informieren.
robert-maier_VM_klDas von Herrn Maier gegründete Unternehmen stellt unter Anderem auf „Ladenzeile.de“ eine Art digitaler Verkaufshalle zur Verfügung, in der mehrere Online-Shops ihre Produkte präsentieren können. Im Jahr 2011 hat die Axel Springer SE (begeisterter Google Gegner, Initiator des Leistungsschutzrechts und mindestens „Freund“ der Lobby-Gruppe ICOMP), über 70% der Firmen-Anteile und somit faktisch das Zepter übernommen. Dies passt leider nicht ins Bild des Armen, von Google bedrohten und einsamen StartUps, weshalb es im Beitrag keinerlei Erwähnung findet.
Als direkter Google Shopping Konkurrent ist die Angst von Robert M. Maier absolut verständlich, die versteckte Zugehörigkeit zum Haupt-Initiator der deutschen Anti-Google Kampagnen (Springer Verlag) nimmt seinen Argumenten leider jeglichen Wind aus den Segeln. Immerhin ist Ladenzeile.de mit einer mobilen Webseite und Apps für die verbreitetsten Systeme technologisch auf einem recht aktuellen Stand, der Sinn dieses Portals für mich als Nutzer erschließt sich allerdings nicht wirklich. Warum soll ich Produkte dort suchen, und nicht bei Google? Welchen Vorteil bietet mir dieses Produkt? Diese Erklärung bleibt man uns leider schuldig. Doch im Gegensatz zu dem folgenden Protagonisten hat Robert M. Maier bahnbrechendes geschaffen.(Bildquelle)

 

Michael Weber, Gründer von Hot-Maps
In der Doku wird nur erwähnt, dass Michael Weber einen Dienst für Online-Karten zur Verfügung stellt, welcher dank Googles Bevorzugung des eigenen Google Maps (und nur deswegen) vor dem aus steht. Der Dienst wird weder gezeigt noch namentlich erwähnt, also musste ich auch hier selbst nachhelfen.

E8BUdkn0Unter hot-maps.com werden völlig veraltete Städte- und Landkarten zur Verfügung gestellt. Die Ansichten lassen sich nicht einmal mit dem Mausrad vergrößern und verkleinern, das gesamte Interface der Webseite ist hoffnungslos veraltet und nicht einmal für mobile Geräte optimiert. Wählt man den „Routenplaner“ aus, so wird ein Ausschnitt von Google Maps angezeigt. Hot-Maps hat als .com Domain KEIN Impressum und bietet auch keine direkte Kontaktmöglichkeit per Mail oder in Sozialen Netzwerken an. Auf dem zur Plattform gehörenden Blog postet man in unregelmäßigen Abständen kritische Beiträge zum Thema Google in verschiedenen Sprachen, eine Kommentar-Sektion gibt es nicht. Die ganze Aufmachung des Web-Auftritts scheint aus dem Jahr 2000 zu stammen, von einem mit Mühe aufgebauten Produkt kann hier keine Rede sein. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass Michael Weber direkt nach der Vorstellung von Google Maps (oder sogar schon vorher) jegliche Arbeit an seinem Projekt eingestellt hat. Er sah zu, wie die Konkurrenz vorbei zog, tat nichts, um seine Dienste zu verbessern – und beschwert sich nun darüber, dass Google das bessere Angebot bietet, welches die Kunden natürlich deutlich lieber nutzen. Im Beitrag verkündet Michael Weber überzeugt, dass sein Dienst nur deswegen nicht mehr genutzt wird, weil Google ihn in den Suchergebnissen grundlos nach unten verschoben und mit der „Kostenlos“ Strategie von Google Maps die Preise kaputt gemacht hat. Dass dies mit seinem völlig veralteten Geschäftsmodell (Karten für die Darstellung auf anderen Webseiten kostenpflichtig zu lizenzieren), den veralteten Karten und dem grausigen Interface zusammenhängt, welches von Google Maps bereits in der ersten Beta bei weitem übertroffen wurde, das kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. (Bildquelle)

 

Die unter der Macht von Google leidenden Unternehmer entpuppen sich somit als bloße Marionetten der Anti-Google Lobby. Leider macht die Arbeit dieser Gruppe, welche mit „guten Argumenten“ und der Unterstützung von „Internet Experten“ die EU auf einen Anti-Google Kurs gedrängt hat, einen Großteil der Doku aus. Durchaus berechtigte Kritik an Googles Umgang mit der Privatsphäre seiner Nutzer gibt es kaum. Der Nächstgrößere Aufhänger des Films beschäftigt sich stattdessen mit der Sortierung von Googles Suchergebnissen, welche angeblich grundsätzlich zum Nachteil der Konkurrenz ausgelegt sind.

Hierfür wird einmal hastig die Gründung von Google durch Larry Page und Sergey Brin erläutert, welche einfach nur ein paar Nerds mit einer tollen Idee waren: Die Informationen der Welt allen zugänglich zu machen. Dann, begleitet von dramatischer Musik, tritt Eric Schmidt auf den Plan, welcher Google auf Gewinn getrimmt und die Neutralität untergraben hat. Er ist der Böse in diesem Film, die Google Gründer werden als machtlos und folgsam dargestellt.

Als Beispiel dafür, dass Google seine Seele verkauft und ursprüngliche Ideale verraten hat, werden die Werbe-Anzeigen in den Suchergebnissen genannt. In einem kurzen Video-Ausschnitt erklärt uns Sergey Brin, dass Google niemals unkenntliche Werbung in seinen Suchergebnissen platzieren würde. Die Doku hingegen stellt die Behauptung auf, dass Google genau dies seit Jahren tut. Zur Sicherheit habe ich direkt danach einmal eine Google Suche gestartet:

google suche

Was genau ist an den gelben Buttons mit „Anzeige“ drauf bitte falsch zu verstehen? Wo schaltet Google hier unkenntlich gemachte Werbe-Anzeigen, wenn wir mal davon ausgehen, dass die Suchergebnisse selbst nicht durch Werbung manipuliert sind? Die Behauptung, Google würde Werbung nicht als solche kenntlich machen, wird während der Dokumentation noch häufiger erwähnt. Zum Beispiel, als einige Protagonisten Google nach Schuhen durchsuchen und sich dabei durch die Google Shopping Ergebnisse klicken, bei denen jedes einzelne durch das Wort „Anzeige“ markiert ist.

Neben dieser und weiteren Falschaussagen bedient sich die Doku noch eines sehr typischen Bestandteils solcher Hetz-Kampagnen: Dem Wohl unserer Kinder! Mehrmals wird kurzzeitig die Schulklasse einer Lehrerin gezeigt, deren Schüler als überaus naiv und Google-folgsam dargestellt werden. Google ist toll, Google ist praktisch, wir nutzen Google jeden Tag. Und dazwischen immer wieder Kommentare wie „Google entscheidet was wir sehen“ und „Google weiß alles über uns“. Dem Zuschauer soll auf diese plumpe Art und Weise suggeriert werden, dass man unsere armen Kinder vor dem bösen Google schützen muss, sie selbst sind ja zu dumm um Werbung von Suchergebnissen unterscheiden zu können (so wie die Macher dieses Films). Bei dem Thema Kinder werden die Zuschauer halt empfindlich und hinterfragen nichts, so zumindest die Hoffnung der Produzenten.

Zum Ende des Films kommt der Sprecher übrigens zu dem Schluss, dass Googles gesamte Macht von den Nutzern kommt. Ohne sie ist Google bedeutungslos. Alternativen zeigt man jedoch keine auf, stattdessen überlässt man die Nutzer hier wieder sich selbst. Vielleicht wollen sich die Initiatoren hinter diesem Propaganda-Clip auch einfach nicht eingestehen, dass sie selbst Google nichts gleichwertiges entgegen zu setzen haben?

 

Fazit: Einseitig, unglaubwürdig und teilweise falsch

Das Thema Google bietet so herrlich viele Facetten, über die man hoch interessante Dokumentationen drehen könnte. Ulrich Stein hat sich jedoch stattdessen für einen stumpfen und leicht durchschaubaren Propaganda-Film für Springer und ICOMP entschieden, ohne diese dabei namentlich überhaupt nennen zu müssen. Wichtige Zusammenhänge werden komplett ausgeklammert, um das Bild vom bösen Google zu komplettieren. Stattdessen ist nur pausenlos die Rede davon, dass Google seine Marktmacht zur Vernichtung eventueller Wettbewerber missbraucht. Ob diese überhaupt gleichwertige oder bessere Alternativen zu den Google Diensten anbieten wird nicht einmal angesprochen. Dies kann bei der Visual Meta GmbH zumindest angezweifelt, bei dem lächerlichen „hot-maps“ aber definitiv verneint werden. Letzten Endes regen sich diese Unternehmen also darüber auf, dass Google bessere Produkte anbietet als sie, die von den Nutzern natürlich auch genutzt werden. Und anstatt für die Nutzer relevante Angebote zu schaffen fokussiert man sich lieber auf Lobby-Arbeit. Ganz tolle Idee.

Von Google Kritikern hört man stets, dass zahlreiche Unternehmen durch scheinbar willkürliche Veränderungen des Such-Algorithmus massive Gewinneinbußen hinzunehmen haben. Warum zeigt man uns diese zahlreichen Unternehmen nicht? Warum entkräftet man die Argumentation durch einen Springer-Manager und jemanden, dessen Web-Auftritt ein Grundschüler besser hinbekommen würde? Wo sind die innovativen deutschen Unternehmer, die durch Google auf unfaire Weise benachteiligt werden? Es gibt angeblich so viele von ihnen, warum taucht kein einziger in diesem Beitrag auf?

Dass Googles Macht einem Respekt oder sogar Angst einflößen sollte ist selbstverständlich, allerdings kommt die Doku ja selbst zu dem Schluss: Am Ende entscheiden die Nutzer. Und diese können sich mit wenigen Klicks von Google lösen. Wenn sie es nicht tun, dann liegt das mehr an Unwissenheit und mangelnden Alternativen, doch hiergegen unternimmt auch die Doku nichts.

Damit hat dieser Film leider jegliche Aufklärungsfunktion verfehlt und es ist eine Schande, dass so eine durchschaubare Lobby-Propaganda auch noch von unseren Rundfunk-Beiträgen finanziert wird.